Phlebotomen in Südwestdeutschland: Ein Update und neue Fundorte

Sandmücken kommen mit mehr als 1000 Arten nahezu weltweit vor. In Europa sind Sandmücken im Mittelmeerraum mit 25 bekannten Arten verbreitet. Aufgrund des Klimawandels und steigender Temperaturen ist jedoch zu erwarten, dass Arten der Gattung Phlebotomus ihr Verbreitungsgebiet erweitern und dauerhaft neue Lebensräume gewinnen. Innerhalb Deutschlands wurden bislang lediglich 2 Arten von Phlebotomus nachgewiesen: Phlebotomus perniciosus (P. perniciosus) und Phlebotomus mascittii (P. mascittii). Weibliche Sandmücken benötigen für ihre Ernährung verschiedene Wirbeltierwirte, darunter Menschen, Nutztiere, Hunde, Nagetiere, Reptilien, Amphibien und Vögel. Während die Hauptwirte von P. mascittii Hunde und Menschen darstellen, bevorzugt P. perniciosus Hunde, Menschen, Pferde und Nagetiere. Darüber hinaus ist bekannt, dass P. mascittii auch ein autogenes Ernährungsverhalten aufweist und ohne Blutmahlzeit mittels Aufnahme von Pflanzen- und Fruchtsäften zur Eireifung gelangen kann.

Die Art P. perniciosus stellt einen Vektor für Phleboviren und parasitäre Protozoen wie Leishmania infantum dar, allerdings wurde diese Art seit 2001 nicht mehr in Deutschland dokumentiert. Obwohl der Erreger Leishmania infantum bereits in P. mascittii nachgewiesen werden konnte, ist deren Vektorkompetenz bezüglich einer Übertragung auf einen Wirt bislang nicht eindeutig geklärt. Während P. mascittii seit 1999 bereits an 17 Standorten entdeckt wurde, konnte P. perniciosus im Jahr 2001 ledig einmalig mit 4 Exemplaren lokalisiert werden. Eine kürzlich erschienene Studie, an der auch unser Verein Parasitus Ex e.V. beteiligt war, zeigt nun die aktuelle Verbreitung und Häufigkeit dieser beiden Arten im südwestlichen Raum Deutschlands.

Im Zeitraum von 2015-2018 wurde hierfür eine entomologische Feldstudie durchgeführt, im Rahmen derer Sandmücken in den südwestdeutschen Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mittels Miniaturlichtfallen gefangen wurden. Im Jahr 2015 wurden für das Aufstellen der Fallen sechs Sammelstellen mit bereits bekannten und etablierten Sandmückenpopulationen ausgewählt. In den folgenden Jahren wurden zusätzlich auch neue Standorte mit potenziell günstigen Umwelt- und Klimabedingungen (mindestens drei aufeinanderfolgende Nächte mit einer Mindesttemperatur von 15° C) auf Sandmückenpopulationen untersucht. Um neue Standorte zu finden, wurden die Bürger mit einem Informationsblatt über die Studie informiert. Darüber hinaus wurden lokale Gesundheitsbehörden und Kommunen informiert und Anzeigen in lokalen Zeitungen geschaltet. Abhängig von der Größe der Sammelstelle wurden 1 bis 5 Lichtfallen in einem Abstand von etwa 5 m voneinander aufgestellt und zwischen 18:00 Uhr und 8:00 Uhr betrieben. Die Fallen wurden überwiegend in bodennahen oder wandnahen Scheunen mit oder ohne organischem Material in einer Höhe von 1,0-1,5 m aufgestellt. Gefangene Insekten wurden sofort in einer gekühlten Styroporkiste aufbewahrt und manuell auf einem weißen Blatt Papier untersucht, um Beifänge zu vermeiden. Danach wurden die Sandmücken in 100% Alkohol gelegt, um sie anschließend der molekularen Identifizierung und dem Screening auf enthaltene Pathogene zuzuführen.

In den Jahren 2015-2018 wurden insgesamt 149 (92 weibliche und 57 männliche) Sandmücken der Art P. mascittii an 37 (21%) der 176 Sammelstellen gefangen. Phlebotomen der Art P. perniciosus wurden im Rahmen dieser Studie nicht entdeckt. Der früheste Fang während des gesamten Untersuchungszeitraums erfolgte am 3. Juli 2018 und der späteste am 31. August 2017. Sandmücken wurden innerhalb der Untersuchung an allen Lokalisationen gefunden, die bereits aus früheren Studien als positiv bekannt waren. Dies beweist die Stabilität der bereits vorhandenen Sandmückenpopulationen. Phlebotomen wurden zudem an 15 neuen Stellen nachgewiesen, die bisher nicht für das Vorhandensein von Sandmücken bekannt waren. Obwohl sich die Umgebung in 30 Jahren erheblich verändert hat, wurde kein signifikanter Unterschied in der Dynamik und Verteilung der Sandmücken festgestellt. Bei der molekularen Untersuchung der gefangenen Tiere wurden keine Phleboviren oder Flaviviren nachgewiesen, zudem wurden alle Sandmücken negativ auf den Erreger Leishmania infantum getestet.

Zusammenfassend betrachtet zeigt diese Studie, dass Sandmücken in diversen Gebieten Süddeutschlands vorkommen, in denen sie bislang nicht erfasst wurden. Es ist daher davon auszugehen, dass Phlebotomen im südwestdeutschen Raum weiter verbreitet sind als bislang angenommen. Die globale Erwärmung könnte zu einer weiteren Ausbreitung von Sandmücken und den hiermit assoziierten Infektionen beitragen. Innerhalb weiterer Studien sollte daher in erster Linie die Vektorkompetenz von P. mascittii geklärt werden, um das Risisko für derartige Infektionen zukünftig realistischer einschätzen zu können. Als Parameter für eine mögliche Vektorkompetenz gelten das anthropophile (den Menschen bevorzugend aufsuchende) Verhalten der Phlebotomenart und die Nutzung eines Wirtes für die eigene Ernährung. Dagegen spricht jedoch das autogene Fütterungsverhalten von P. mascittii, welches der Mücke ermöglicht, fertile Eier ohne Blutmahlzeit ausschließlich über zuckerhaltige Pflanzensäfte zu erzeugen. Die damit einhergehende potentielle Wirtsunabhängigkeit in der Ernährung macht diese Phlebotomenart vermutlich zu einem eher unattraktiven Überträger für den Erreger der Leishmaniose.

Momentan kann sicherlich die Gefahr einer autochthonen Infektion mit Leishmania infantum innerhalb Deutschlands für Mensch und Tier als extrem niedrig eingestuft werden, auch wenn derzeit mehr als 100.000 Leishmaniose-positive Hunde in Deutschland leben.

Quelle: Parasites Vectors. 2020 Apr 21;13:173-180.

 

 

Nachweis einer transovariellen Übertragung von Borrelien, Rickettsien und Anaplasmen im Holzbock (Ixodes ricinus)

Nachweis einer transovariellen Übertragung von Borrelien, Rickettsien und Anaplasmen im Holzbock (Ixodes ricinus)

Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) stellt in Europa die am weitesten verbreitete Zeckenart dar. Der Holzbock gilt als wichtigster Vektor für eine Reihe bakterieller Krankheitserreger, die für die Gesundheit von Mensch und Tier von großer Relevanz sind. Zu diesen Erregern gehören auch die Gattungen der Borrelien und Rickettsien, deren Vertreter die gefürchtete Erkrankung Lyme-Borreliose und den Erkrankungskomplex der Rickettsiosen hervorrufen können. Ein weiterer durch den Holzbock übertragbarer Erreger ist das Bakterium Anaplasma phagocytophilum, welches bei Mensch und Tier die Granulozyten befällt und die Erkrankung Anaplasmose auslöst.
Die Übertragung dieser Krankheitserreger zwischen den Zecken kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen. Bei einer transovariellen Übertragung erfolgt die Weitergabe von Erregern in vertikale Richtung, also über die Eizellen an die Folgegeneration. Diese Form der Übertragung erleichtert es den Krankheitserregern, dauerhaft relativ unabhängig vom Vorhandensein eines Wirtes in einem Ökosystem zu persistieren. Die transovarielle Erregerübertragung konnte für die Gattung Rickettsia unter Laborbedingungen bereits nachgewiesen werden, wobei die Effizienz bis zu 100% betragen kann. Im Gegensatz dazu wurde für Anaplasma phagocytophilum bisher eine niedrige bis ineffiziente transovarielle Übertragung angenommen. Bislang wurde in Prävalenzstudien die Häufigkeit des Vorkommens von Krankheitserregern eher bei erwachsenen Zecken und Nymphen untersucht. Im Rahmen einer kürzlich veröffentlichten Studie wurden nun auch Zeckenlarven auf das Vorhandensein solcher Erreger analysiert, um eine mögliche transovarielle Übertragung unter natürlichen Bedingungen nachzuweisen und das Infektionsrisiko für Mensch und Tier beim Befall mit Larven von Ixodes ricinus besser einschätzen zu können.
Im Zeitraum von 2010-2018 wurden demnach an verschiedenen Örtlichkeiten in Norddeutschland Larven des Holzbockes mittels der sogenannten "Flaggenmethode" gesammelt. Hierfür wurde eine weiße Flagge etwa 1 Meter weit über den Boden gezogen. Alle Larven, die als Ballen an der Flagge hafteten, wurden als Nest definiert, welches von einem einzelnen Weibchen stammt. Die Identifizierung der Zeckenspezies erfolgte anhand einer genomischen Sequenzierung einiger der im Nest vorhandenen Larven. Des weiteren wurden die Larven mittels molekularbiologischer Methoden auf das Vorhandensein pathogener Erreger-DNA getestet. Insgesamt wurden so 1500 Larven von Ixodes ricinus untersucht, welche aus 50 Larvennestern stammten.
Die Größe der Nester variierte hierbei zwischen 10 und 1643 Larven. Die meisten Nester wurden in Hannover (20 von 50), Hamburg (12 von 50) und Mellendorf (11 von 50) gefunden. In 39 von 50 Nestern (78%) wurden die Gattungen Borrelia und Rickettsia identifiziert, in 3 Nestern (6%) wurde der Erreger Anaplasma phagocytophilum nachgewiesen. Insgesamt wurde in 90% der Zeckennester mindestens 1 Erreger entdeckt. Von den 1500 Larven waren 137 positiv für Borrelien-DNA (9,1%) und 341 positiv für Rickettsien-DNA (22,7%), bei 3 Larven wurde DNA von Anaplasma phagocytophilum gefunden (0,2%). Co-Infektionen mit mehreren Erregern wurden in 33 von 50 Nestern (66%) bzw. 38 von 443 positiven Larven (8,6%) entdeckt. Insgesamt hatten Larven in Nestern mit mehreren Infektionen eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit mit Borrelien oder Rickettsien infiziert zu sein, als in Nestern mit einem einzigen vorhandenen Erreger.

Zusammenfassend betrachtet liefert diese Studie Hinweise darauf, dass die transovarielle Übertragung unter Feldbedingungen zumindest innerhalb der Gattungen Borrelia und Rickettsia eine Rolle spielt. Beim Erreger Anaplasma phagocytophilum scheint diese Form der Übertragung zwar möglich, jedoch ineffizient zu sein.

Quelle: Parasites Vectors. 2020 Apr 07;13:176-186

 

 

Tötung infizierter Hunde als Maßnahme zur Eindämmung der viszeralen Leishmaniose sinnlos

Hunde stellen das Hauptreservoir des Erregers Leishmania infantum dar, welcher beim Menschen die viszerale Leishmaniose verursacht. Als Maßnahme zur Erregerbekämpfung werden in einigen Ländern immer noch Hunde ganz offiziell im Rahmen der Regierungspolitik getötet, wenn bei ihnen eine Leishmanioseinfektion nachgewiesen wurde. Im Laufe der Jahre fielen so Millionen von Hunden solchen Maßnahmen der nationalen Gesundheitspolitik zum Opfer.
Vom 19. - 22. März 2018 fand in Windsor (Großbritannien) das 13. Symposium des Forums für canine vektorübertragene Krankheiten (CVBD) statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung trifft sich jedes Jahr eine Gruppe von international anerkannten Wissenschaftlern, die sich mit den durch Vektoren übertragenen Krankheiten bei Hunden und Katzen befassen. Auch unser Vereinsvorsitzende Dr. Torsten Naucke nimmt jedes Jahr an der Veranstaltung teil. Da die Leishmaniose und deren Verbreitung ein globales Problem darstellt, wurde auf dem Symposium 2018 auch die Rolle der positiv getesteten Trägerhunde im Rahmen des One-Health-Konzeptes diskutiert. Die Wissenschaftler waren sich darüber einig, dass die Tötung infizierter Hunde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt und dass derartige Vorgänge ethisch inakzeptabel sind.

In einem kürzlich erschienen Artikel wurde diese Konsenserklärung nun endlich auch veröffentlicht und die Sinnlosigkeit derartiger Tötungen hervorgehoben. Gegen die Tötung infizierter Hunde sprechen demnach folgende Gründe:

  • Es existiert kein wissenschaftlicher Nachweis darüber, dass die Tötung von Hunden als Mittel zur Verringerung der Inzidenz der Leishmaniose geeignet ist. Ganz im Gegenteil, in den letzten 20 Jahren konnten weltweit weitreichende Erkenntnisse gesammelt werden, die das Scheitern dieser Methode als Kontrollstrategie nahelegen (hier werden vor allem weite Teile Asiens und Brasiliens genannt).
  • Auch alternative Erregerreservoire können eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung des Lebenszyklus´ von Leishmania infantum spielen, somit müssen diese dringend bei der Entwicklung einer vernünftigen Kontrollstrategie berücksichtigt werden.
  • Getötete Hunde werden häufig schnell durch neue jüngere Tiere ersetzt, welche in der Regel sogar anfälliger für Infektionen mit Leishmania infantum sind.
  • Die in den entsprechenden Ländern genutzten serologischen Diagnosewerkzeuge weisen häufig Einschränkungen hinsichtlich der Sensitivität und Spezifität auf. So existieren beispielsweise Kreuzreaktionen mit anderen Arten von Leishmania und mit Trypanosoma.
  • Das Töten von Hunden ist zuletzt auch aus sozioökonomischer Sicht verwerflich, da die Tötung von Hunden auch Leid und Erkrankungen beim Besitzer nach sich ziehen kann.


Eine wirksame Kontrolle der Übertragung von Leishmania infantum erfordert demnach integrierte Ansätze, die sich nicht nur auf den Hund als indirekte Quelle konzentrieren, sondern auch auf den Parasiten und vor allem den Vektor Sandmücke.
Auch alternative Lösungen wurden auf diesem Symposium diskutiert. So zeigt beispielsweise eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass die regelmäßige Anwendung topischer Insektizide hochwirksam ist, um Phlebotomenstiche und damit die Übertragung der Leishmanien zu verhindern. Die ständige Verwendung solcher Insektizide schützt nicht nur die Hunde vor Sandmücken, sondern ermöglicht auch eine Reduktion dieser Vektoren im Umkreis der Tierhalter, was möglicherweise auch zu einer Reduktion der Inzidenz beim Menschen beiträgt. Der Einsatz chemotherapeutischer Präparate kann die Infektiösität der betroffenen Hunde vermindern, was unter experimentellen Bedingungen zu einer Abnahme der Infektion in Phlebotomenpopulationen führte. In vielen Ländern stehen zudem Impfstoffe zur Verfügung, die das Risiko für das Auftreten klinischer Zeichen verringern.

Für die Praxis werden von den Wissenschaftlern des CVBD-Forums folgende Maßnahmen als Alternative zur sinnlosen Tiertötung empfohlen:

  • Permanenter Schutz vor Sandmückenstichen bei allen Hunden in den betroffenen Gebieten durch den Einsatz von Insektiziden.
  • Verbesserung der allgemeinen Gesundheit und des Ernährungszustandes der Hunde.
  • Ständige Aktualisierung innerhalb der Fachkreise bezüglich einer sinnvollen Diagnostik einer Leishmanioseerkrankung und im Hinblick auf die aktuellen Therapieempfehlungen.
  • Verbesserung der Umwelt- und Wohnbedingungen, um den Schutz vor Sandmücken zu erhöhen und so die Exposition des Menschen gegenüber dem Vektor zu verringern.


Die gemeinsame Veröffentlichung dieser Konsensempfehlungen und die enthaltenen wissenschaftlichen Daten sollten nun endlich auch die Politiker in den entsprechenden Ländern davon überzeugen, dass das Töten infizierter Hunde völlig sinnlos ist und nicht zum Schutz der Menschen vor einer Infektion mit Leishmania infantum beiträgt. Zudem erscheint es im Sinne des Tierschutzes sinnvoll, dass die entsprechenden Argumente nun auch für jeden zugänglich sind.

Quelle: Emerg Infect Dis. 2019 Dec;25(12):1-4

 

 

 

Erste menschliche Okularinfektion mit Onchocerca jakutensis in Polen nachgewiesen

 

Filarien der Gattung Onchocerca können sowohl bei verschiedenen Wild- und Haustierarten als auch beim Menschen die vektorübertragene Erkrankung Onchozerkose auslösen. Die Krankeit, die beim Menschen durch die Art Onchocerca volvulus verursacht wird, führt zur sogenannten Flussblindheit, die vor allem in den tropischen und subtropischen Gebieten Afrikas und Südamerikas bekannt ist. Überträger dieser Erkrankung sind blutsaugende Kriebelmücken der Gattung Simulium, deren Larven vor allem in Fließgewässern vorkommen. Einige Arten der Gattung Onchocerca gelten als Zoonose und können somit auch den Menschen gefährden. Eine davon ist Onchocerca jakutensis, diese Art wurde bereits in Ländern wie der Schweiz, Polen und Deutschland bei Rothirschen nachgewiesen. In der Schweiz konnte in einer Studie von 2016 gezeigt werden, dass bereits 24% der Rothirschpopulation von adulten Würmern befallen ist.

Vor kurzem wurde nun die weltweit erstmalige okulare Infektion mit Onchocerca jakutensis beim Menschen bekannt. Bei dem von polnischen Wissenschaftlern beschriebenen Fall handelt es sich um einen ansonsten gesunden 39 Jahre alten männlichen Patienten, welchem mittels chirurgischer Maßnahme eine Filarie aus dem Glaskörper des linken Auges entfernt werden musste. Der Mann lebt in Westpolen in einem ländlichen, von Wäldern umgebenen Bereich nahe der deutsch-polnischen Grenze und hat diese Gegend nie verlassen, so dass von einer autochthonen Infektion ausgegangen werden muss. Mittels morphologischer Untersuchung, Sequenzierung und phylogenetischer Analyse konnte die Filarie eindeutig der Art Onchocerca jakutensis zugeordnet werden. Der Patient hatte durch den etwa 25 mm langen Wurm keine Schmerzen, berichtete jedoch von eingeschränkter Sicht und Fremdkörpergefühl. An einen Insektenstich in der Periokularregion oder im Gesicht konnte er sich nicht erinnern. Die chirurgische Entfernung gestaltete sich aufgrund der Beweglichkeit des Wurmes als außerordentlich kompliziert, ein Teil des Glaskörpers musste entfernt, die Sehkraft konnte jedoch erhalten werden. Die okuläre Klinik des hier beschriebenen Patienten überrascht, da der Parasit im Erregerreservoir Rothirsch eher subkutane Hautknoten (Onchozerkome) im Bereich von Hals, Gesicht und äußerem Oberschenkel verursacht, welche die Makrofilarien beherbergen.

Inwieweit solche Infektionen auch bei uns zukünftig regelmäßiger auftreten, bleibt abzuwarten. Die Behandlung dieser Erkrankung gestaltet sich jedenfalls nicht ganz einfach, da das in anderen Ländern zur Therapie genutzte Präparat bei uns nicht in dieser Indikation zugelassen ist. Zudem tötet dieses Therapeutikum lediglich die Mikrofilarien, während adulte Würmer oftmals chirurgisch entfernt werden müssen.

Quellen:

https://parasitesandvectors.biomedcentral.com/articles/10.1186/s13071-020-3925-6

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5005430/

 

 

 

 

 

Update zu den immuntherapeutischen Möglichkeiten beim Leishmaniose-positiven Hund

Der Einfluss des Immunsystems bei der Manifestation einer klinischen Leishmanioseerkrankung ist unumstritten. Demnach ist richtungsweisend, welche Art der Immunreaktion der Organismus nach einer Infektion mit Leishmania infantum zeigt. Tiere mit vorwiegend TH1-vermittelter zellulärer Immunreaktion erkranken dementsprechend oft weniger schwer. Bei Tieren mit vorwiegend TH2-vermittelter humoraler Immunreaktion kommt es im Laufe der Erkrankung zu einer starken Erhöhung der Produktion von Antikörpern, welche keinerlei Schutzwirkung besitzen. Ganz im Gegenteil, ein großer Teil der Leishmaniose-assoziierten Probleme werden nicht durch den Erreger selbst, sondern durch die Aktivierung der humoralen Abwehr ausgelöst.

Ein kürzlich im Fachmagazin "Research in Veterinary Science" publizierter Review verschafft dem Praktiker einen Überblick über aktuell bereits vorhandene Möglichkeiten immunmodulatorischer Maßnahmen. Demnach konnte sich Leisguard, ein Präparat mit dem Wirkstoff Domperidon, welcher die zelluläre Immunreaktion über eine erhöhte Prolaktinausschüttung in der Hypophyse stimulieren soll, bereits im klinischen Einsatz etablieren. Vorgestellt werden weiterhin Behandlungsversuche mit therapeutischen Vakzinen, von denen 2 Präparate auch in Europa zugelassen sind. Der therapeutische Einsatz dieser Vakzine erbrachte in den diskutierten Studien vielversprechende Resultate, nämlich eine deutliche klinische Verbesserung der behandelten Hunde, welche vor allem bei leicht oder moderat erkrankten Hunden von Relevanz war. Kritisch diskutiert werden auch neuere Präparate, welche dem Segment der Nahrungsergänzungsmittel zugeordnet werden. In einer Studie von 2015 konnte gezeigt werden, dass der Einsatz diätetischer Nukleotide zu einer leichten klinischen Verbesserung bei Hunden mit Leishmaniose führen kann. Allerdings gibt es zu diesem Thema aktuell kaum brauchbare und unabhängige Studien, da das Studiendesign innerhalb der verfügbaren Publikationen nicht wissenschaftlich fundiert ist. So fehlen unter anderem Kontrollgruppen, es wurden innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Nukleotide eingesetzt, es gibt nur einen relativ kurzen Follow-up Zeitraum oder die Studien wurden vom Hersteller der Präparate finanziert.

Es werden weiterhin unterschiedliche Strategien und Denkansätze angesprochen, die bei der Entwicklung neuer Immunmodulatoren zukünftig von Bedeutung sein werden. So könnten demnächst die Toll-like-Rezeptoren (TLR) als Zielstrukturen immunmodulierender Präparate dienen, da TLR-Agonisten die Produktion pro-inflammatorischer Zytokine stimulieren, welche eine überaus wichtige Rolle bei der Parasitenbekämpfung einnehmen. Auch die therapeutische Anwendung von Zytokinen, monoklonalen Antikörpern, antimikrobiellen Proteinen und Pflanzenextrakten zum Zweck der Immunmodulation wird vorgestellt und kritisch diskutiert. All diese Substanzen besitzen sicherlich das Potenzial eines immuntherapeutischen Einsatzes bei der Behandlung einer Leishmanioseerkrankung. Allerdings sind die meisten dieser Präparate noch in der vorklinischen Entwicklungsphase und es werden noch viele Studien nötig sein, bis diese Präparate offiziell für die Leishmaniosetherapie zugelassen und für den praktischen Einsatz verfügbar sind. Zudem bleibt abzuwarten, inwiefern zukünftig immuntherapeutische Substanzen als alleinige Therapie bei einer bereits klinisch manifesten Leishmaniose eingesetzt werden können. Bislang scheint es eher so, dass bei akut erkrankten Tieren der Einsatz leishmanistatischer oder leishmanizider Präparate trotz Einsatz immunmodulierender Wirkstoffe nicht umgangen werden kann.

Quelle : Res Vet Sci. 2019 Aug;125:218-226

 

 

 

Übertragung von Fleckfieber durch Hyalommazecken in Deutschland erstmalig nachgewiesen

Tropische Riesenzecken der Gattung Hyalomma sind etwa dreimal so groß wie unsere einheimischen Verwandten Holzbock und Auwaldzecke. Auffällig sind neben der Größe auch die gestreiften Extremitäten. Adulte Hyalommazecken sind vor allem an Großtieren wie Pferden, Rindern und Ziegen zu finden.

Die Arten Hyalomma marginatum und Hyalomma rufipes wurden in den letzten Jahren auch regelmäßig in Deutschland nachgewiesen. Allein im Jahr 2018 konnten 18 Zecken der Gattung Hyalomma identifiziert werden, von denen 9 Tiere Träger des humanpathogenen Erregers Rickettsia aeschlimannii waren. Parasitologen warnen schon länger vor den Erkrankungen, die diese Zecken übertragen können. Unbekannt blieb bislang jedoch, ob eine Übertragung des gefürchteten Zecken-Fleckfiebers durch Hyalomma auch bei uns in Deutschland möglich ist.

Nun ist ein erster Fall bekannt geworden, bei dem sich Ende Juli ein Mann aus dem Raum Siegen (Nordrhein-Westfalen) nach dem Stich einer Hyalommazecke mit Fleckfieber infiziert hat und schwer erkrankt ist, so die Mitteilung der Universität Hohenheim. Der Pferdebesitzer hatte die Zecke wenige Tage vor Ausbruch der Fleckfiebererkrankung zur Analyse eingeschickt, woraufhin das Bakterium Rickettsia aeschlimannii nachgewiesen werden konnte. Bei dem Erreger handelt es sich um ein zur Gattung Rickettsia gehörendes humanpathogenes Bakterium, welches als Krankheitsauslöser der Zecken-Fleckfiebererkrankung in tropischen Ländern bekannt ist. Als Krankheitszeichen werden unter anderem typische Hautausschläge genannt, die vor allem an den Extremitäten auftreten und die der Erkrankung ihren typischen Namen geben. Zusätzlich kommt es nach einer Inkubationszeit von etwa 7 Tagen bei den betroffenen Patienten zu einem schweren Krankheitsgefühl mit deutlicher Abgeschlagenheit, hohem Fieber und heftigen Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen.

Wegen der bereits begonnenen antibiotischen Behandlung war ein Direktnachweis des Erregers im Patienten nicht mehr möglich. Aufgrund der typischen Symptome des Patienten, dem vorausgegangenen Hyalommastich und dem Nachweis des Fleckfieber-Erregers Rickettsia aeschlimannii in der eingesendeten Zecke gehen die Forscher allerdings davon aus, dass es sich in diesem Fall um die bekannte Zecken-Fleckfiebererkrankung handelt.

Quelle: Pressemitteilung der Universität Hohenheim

Weitere Infos:

Weltweit erster nachgewiesener Fall einer Zecken-Fleckfiebererkrankung hervorgerufen durch Rickettsia aeschlimannii in Afrika 2002:

Emerg Infect Dis. 2002 Jul;8(7):748–749.)


Hyalomma 2018 in Deutschland:

Parasit Vectors. 2019 Mar 26;12:134-141.)

 

 

 

 

Neue Studie: Organveränderungen im Zusammenhang mit der Rickettsiose

Während unserer Arbeit sind wir immer häufiger mit Organveränderungen von Tieren konfrontiert, bei denen eine Rickettsiose diagnostiziert wurde. Häufig handelt es sich hier um Hunde, die im Zusammenhang mit einer Infektion durch Rickettsia conorii Zeichen von Leber- und Milzhypertrophie sowie Veränderungen der Pankreasfunktion zeigen. In einem Fall hat ein betroffenes Tier sogar eine Leberzirrhose entwickelt.
In der Literatur findet sich beim Hund wenig zu einem diesbezüglichen Zusammenhang, lediglich die leichte Erhöhung der Leberenzyme (AST, ALT) ist beschrieben. Im humanen Bereich lässt sich im Rahmen einer Infektion durch Rickettsia rickettsii (Erreger des Rocky mountain spotted fever) in einem älteren Artikel ein Hinweis auf eine Leberbeteiligung finden. Hier wurden bei Leberbiopsien betroffener Patienten Gallengangs- und Gefäßverlegungen gefunden, die auf inflammatorische Prozesse im Bereich der Periportalfelder zurückzuführen sind.
Wir möchten an dieser Stelle Tierärzte und betroffene Tierbesitzer bitten, sich bei Organveränderungen, die im Zusammenhang mit einer Rickettsiose beim Hund gefunden wurden, mit uns Kontakt aufzunehmen. Innerhalb dieser Studie sollen bereits vorhandene Untersuchungsergebnisse ausgewertet werden, es werden keine zusätzlichen Analysen durchgeführt. Mit Ihrer Teilnahme an der Studie können Sie möglicherweise dazu beitragen, dass Organveränderungen bei Hunden mit Rickettsiose früher erkannt und entsprechend therapeutisch interveniert werden kann, bevor es zu schwerwiegenden Schäden kommt.
Ihre Ansprechpartnerin ist:
Dr. Jeanette Bierwolf
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Neue Studie: Silent-Killer-Effekt der Ehrlichiose

Von Ehrlichiose betroffene Hunde können bei einem chronischen Verlauf der Erkrankung in seltenen Fällen von Tierarzt und Besitzer unerkannt eine schwere Niereninsuffizienz entwickeln, die bis zum Tod führen kann. Dieses Phänomen wird „Silent-Killer-Effekt“ genannt.
Wir möchten diesen Silent-Killer-Effekt näher untersuchen und herausfinden, ob eine Nierenbeteiligung bei der Ehrlichiose bislang unterschätzt wurde und betroffene Tiere von einer regelmäßigen Kontrolle der Nierenfunktion profitieren würden. Im Rahmen der Studie sollen keine zusätzlichen Untersuchungen durchgeführt werden, es sollen lediglich bereits vorhandene Daten von Hunden ausgewertet werden, die mit Ehrlichiose infiziert sind. Besonders von Interesse sind hier für uns Patienten, die ein regelmäßiges Monitoring mit Bestimmung des Ehrlichiosetiters, Blutbild, Klinischer Chemie und Eiweißelektrophorese erfahren haben. Auch interessieren uns in diesem Zusammenhang durchgeführte Urinuntersuchungen, im Rahmen derer beispielsweise  Veränderungen des Protein-Kreatinin-Quotients (Urine protein-to-creatinine ratio; UPC) detektiert wurden.
Wir möchten an dieser Stelle Tierärzte und betroffene Tierbesitzer bitten, Kontakt mit uns aufzunehmen, wenn Sie sich angesprochen fühlen. Hunde, bei denen neben der Ehrlichiose auch eine Leishmaniose diagnostiziert wurde, sind von der Studie ausgeschlossen.
Ihre Ansprechpartnerin ist:
Dr. Jeanette Bierwolf
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